Stanz+ - Ein innovatives, energie-flexibles Plusenergiequartier - der Ortskern der Gemeinde Stanz
Kurzbeschreibung
Motivation und Forschungsfrage
Eine der zentralen Aufgaben einer Gemeinde wie Stanz im Mürztal ist es durch Innovationen in unterschiedlichen kommunalen Handlungsfeldern die Zukunftsfähigkeit und Lebensqualität der Gemeinde zu steigern und dadurch deren Resilienz zu erhöhen. Die Hauptfrage ist, wie ein „Best-Practice" eines innovativen Plusenergiequartiers einer kleineren Gemeinde geschaffen werden kann, das multiplizierbare Lösungen für Gemeinden mit ähnlichen Herausforderungen auf nationaler und internationaler Ebene anbietet.
Ausgangssituation/Status Quo
Die Gemeinde Stanz im Mürztal liegt im Stanzertal, einem Seitental des steirischen Mürztals im Bezirk Bruck-Mürzzuschlag. Die Gemeinde zählt aktuell (Bevölkerungsregister Stand 1.1.2024) 1.781 Einwohner:innen und weist eine Fläche von rd. 77 km2 auf. Somit zählt Stanz im Mürztal zu den flächenmäßig größten Gemeinden in der Region. Die Waldausstattung ist mit über 80% der Gemeindefläche überdurchschnittlich hoch, während die Bevölkerungsdichte mit 23 EW/km2 deutlich unter dem steirischen Durchschnitt liegt. Die Wirtschaft in der Gemeinde ist kleinteilig strukturiert, was sich in einem hohen Anteil an Berufsauspendler:innen widerspiegelt. Die industriell geprägte Region des Mürztals war in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts von einem wirtschaftlichen Strukturwandel betroffen. Dies ist neben anderen Faktoren ein Grund für die starke Abwanderung und Alterung im Bezirk Bruck-Mürzzuschlag.
Dem Gemeinderat der e5-Gemeinde Stanz ist es gemeinsam mit engagierten Bürger:innen gelungen eine neue dörfliche Kultur zu schaffen, die von der Bevölkerung getragen wird. Durch das Einbeziehen der relevanten Interessensgruppen wurden Maßnahmen gesetzt, welche Stanz lebenswerter machen und gleichzeitig durch nachhaltige Energieversorgung und Wirtschaftsweise die lokale Wertschöpfung steigern. Beides ist Voraussetzung für eine langfristige Attraktivität als Lebensraum.
Projekt-Inhalte und Zielsetzungen
Erstes Hauptziel war es die derzeit bei etwa 30% befindliche Versorgung mit Erneuerbaren Energieträgern auf 100% zu erhöhen. Dies wird mit Maßnahmen zur Förderung der Energieeffizienz und flexiblen Nutzung dieser Energieträger sowie Entwicklung von multiplizierbaren, innovativen Geschäftsmodellen zur Finanzierung pilothaft umgesetzt. Parallel laufen die Optimierung und Erweiterung der örtlichen Energienetze (Wärme und Strom) im Ortskern sowie Lösungen zur Steigerung ihrer Resilienz.
Zweites Hauptziel war die Revitalisierung und Belebung des Ortskerns. Durch neue Ansätze des Flächensparens und verträgliche Nachverdichtung werden, aufbauend auf den bisherigen Aktivitäten, verstärkt zentrale Bereiche für Wohnen und Wirtschaft genutzt. Die Verminderung des Energieverbrauches fokussierte auf die Erhebungen zur Vorbereitung und Planung der Sanierung einiger Bestandsgebäude inklusive des Musikvereins-Hauses im Rahmen des Demonstrationsprojekts Stanz+.
Methodische Vorgehensweise
Zu Beginn stand eine umfassende Bestandserhebung zu Energieproduktion, -verbrauch, Lastprofilen, Gebäudenutzungen und -bedarf im Ortskern. Dann starteten Aktivitäten im Bereich Energieinfrastruktur und -netze wie die Errichtung eines neuen Nahwärmenetzes, von Windkraftanlagen, Planung von PV-Anlagen und die Revitalisierung der bestehenden Wasserkraft, um die Transition voranzutreiben.
Der Einsatz von Digitalisierung wie Ausbau Smart Meter und Bewohner:innen-Partizipation brachten parallel dazu neue Konzepte zur Flexibilisierung des Energieangebots und -verbrauchs sowie unterstützende Geschäftsmodelle hervor. Ein neues Musikvereins-Gebäude wurde unter Nutzer:innenbeteiligung im Ortskern geplant. Über zwei Jahre wurden Realdaten aus Netzen und Gebäuden erfasst und messtechnisch ausgewertet, sowie sozialwissenschaftliche Informationen in der neu gegründeten Energiegemeinschaft erhoben. Diese waren die Basis für neue Steuerungskonzepte, Optimierungen und Energienutzung durch die Bürger:innen. Grundlegend ist die Verschränkung von technischen Lösungen mit sozialer Innovation. Durch die erfolgreiche Aktivierung und Beteiligung der „Bürger:innenkräfte" an der Gestaltung ihres eigenen Lebensumfeldes, war die Akzeptanz der (technischen) Lösungen mittels „Bottom-Up-Approach" leichter umzusetzen, als mit dem landläufigen „Expert:innen-Top-Down".
Ergebnisse und Schlussfolgerungen
Ein neues Biomasse-Wärme- und Stromnetz wurde im Ortskern von Stanz errichtet und energietechnisch optimiert. Wasser- und Windkraft auf Gemeindegebiet sowie die Errichtung von Photovoltaik auf Dachflächen zur Erhöhung des Solaranteils wurden forciert und umgesetzt.
Der Neubau des Musikvereinshauses wurde mit der Sanierung des ehemaligen RAIKA-Gebäudes im Ortskern gekoppelt und geplant; die Umsetzung startet demnächst. Neubauflächen werden platzsparend in Sonnenhanglage zentral neben dem Dorfplatz bereitgestellt um gezielt im Zentrum der Gemeinde zu verdichten, eine Begegnungszone wurde geplant und startet demnächst in die Umsetzung.
Eine 40%ige CO2-Emissions-Reduktion im Gebäudebestand ist bisher gelungen, 50% und mehr sind erreichbar, wenn die Erneuerbare Energiegemeinschaft Stanzertal ihre Erzeugung und Handel intensiviert. Ein neues Geschäftsmodell mit der Einführung eines e-Token Systems für neue Produkte und Dienstleistungen wurde in der „Rural Pioneers Community" von Stanz in CoCreation Prozessen mit professioneller Beratung erarbeitet.
Ausblick
Stanz bleibt weiter hoch aktiv wie kaum eine Gemeinde dieser Größe und Einwohner:innenzahl, daran hat auch der Anfang 2024 erfolgte Bürgermeisterwechsel nichts geändert – die nächsten Projekte und Aktivitäten stehen schon fest. Nächste Forschungs-Projekte zielen auf die Erweiterung, Vernetzung und überregionale Ausweitung der Energiegemeinschaft, Detailplanungen zur Nutzung von Sektorkopplung und Lastausgleich mit Integration der Windkraftanlagen auf Gemeindegebiet, gemeindeeigene Infrastrukturerweiterung, Einführung eines Token-Systems zur Entwicklung der Energiewährung „Stanzertaler".
Stanz war eine der Kläger gegen den Staat Österreich wegen mangelnder Umsetzung von Maßnahmen gegen den Klimawandel (Ortskern von Stanz ist großteils in „Roter Zone" bezüglich Hochwasserrisiko). Die Klage liegt nun seit Dezember 2023 beim Europäischen Gerichtshof.
Publikationen
Ein innovatives, energie-flexibles Plusenergiequartier – der Ortskern der Gemeinde Stanz (Stanz+)
Stanz+ arbeitet an der Umsetzung einer Energiestrategie für strukturschwache Gemeinden mit konkreten Maßnahmen zur Revitalisierung und Nachverdichtung im Gebäudebestand sowie der Integration erneuerbarer Energieträger am Beispiel der Gemeinde Stanz im Mürztal (Obersteiermark). Das Projekt beinhaltet multiplizierbare Ansätze in Richtung Energieautonomie, hybride Nutzung von Energienetzen zur Flexibilisierung und energetisch gedachte Dorfkernbelebung unter Einbeziehung der NutzerInnen in die „Rural Pioneers Community“ zur Nutzung von Energiedienstleistungen.
Schriftenreihe
24/2026
A. Knotzer, M. Majcen, F. Pichler, R. Rosegger, W. Nussmüller, A. Russ, D. Schabereiter, J. Ziegerhofer, K. Kaltenbrunner, F. Wörl, C. Moser, R. Höfler
Herausgeber: BMIMI
Deutsch, 80 Seiten
Downloads zur Publikation
Projektbeteiligte
Projektleitung
Gemeinde Stanz im Mürztal
Projekt- bzw. KooperationspartnerInnen
- AEE – Institut für Nachhaltige Technologien
- Nussmüller Architekten ZT GmbH
- scan - Agentur für Markt- und Gesellschaftsanalytik
- UET Handelsges.m.b.H.
Kontaktadresse
Gemeinde Stanz im Mürztal
Amtsleiter Raimund Lebner
A-8653 Stanz im Mürztal 61
Tel.: +43 (3865) 8202
E-Mail: r.lebner@stanz.at
Web: www.stanz.at