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PV4residents - Innovatives Finanzierungs- und Geschäftsmodell für PV Gemeinschaftsanlagen auf Mehrparteienhäusern zur Vor-Ort Nutzung

Ziel war, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, um die verstärkte Errichtung von Photovoltaik (PV)-Anlagen auf Mehrparteienhäusern mit Eigennutzung des Stroms durch die Bewohner zu ermöglichen. Durch Einbindung der Kommune wird Überschussstrom an sie zur Vor-Ort Nutzung geliefert. Als Basis des Geschäftsmodells wurden mit Stakeholdern technische, rechtliche, administrative, nutzerbasierte, wirtschaftliche Barrieren analysiert und Lösungsansätze eruiert.

Kurzbeschreibung

Status

abgeschlossen

Kurzfassung

Ausgangssituation/Motivation

Bewohner von Mehrparteienhäusern (MPH) sind derzeit weitgehend davon ausgeschlossen auf ihren Dächern Photovoltaik(PV)-Gemeinschaftsanlagen zu errichten und für ihren eigenen Strombedarf zu nutzen. Die dafür geeignete Dachlandschaft ist noch weitgehend ungenutzt. Bestehende PV-Anlagen dienen in der Regel dem Allgemeinverbrauch im Gebäude und für die Einspeisung in das öffentliche Netz, das heißt meist ohne Einbindung der Bewohner eines MPH. Für eine stärkere Umsetzung von PV-Gemeinschaftsanlagen ist die Beantwortung von rechtlichen, administrativen und wirtschaftlichen Fragen wesentlich. Eine erfolgreiche Lösung dieser Fragen stellt insbesondere jenen Mehrwert dar, dass das bisher großteils ungenutzte Potential von Dachflächen verstärkt nutzbar und ein weiterer Kreis der Bevölkerung dabei eingebunden wird. Vor dem Hintergrund sinkender Einspeisetarife ist ein wesentliches Ziel ein maximaler Vor-Ort Verbrauch des erzeugten Stroms. Durch Beteiligung der Kommune kann selbst der Überschussstrom eines MPH für den Bedarf in der nahen Umgebung herangezogen werden. Neben potentiell höheren Einnahmen durch den Stromverkauf entlastet der Verbrauch vor Ort die Elektrizitätsinfrastruktur.

Inhalte und Zielsetzungen

Ziel der Sondierung war es das bestehende Wissen – auch aus dem Ausland – zusammenzuführen, vorhandene Wissenslücken zu schließen, für Barrieren Lösungen zu skizzieren und mit betroffenen Stakeholdern zu diskutieren. Darauf aufbauend sollte ein entsprechendes Finanzierungs-, Dienstleistungs- und Geschäftsmodell entwickelt werden. Kernstück dieser Sondierung war dabei die Beantwortung rechtlicher und administrativer Fragestellungen. Unter anderem wurde die Rechtsform einer Energiegenossenschaft als Organisationsform geprüft, die es ermöglicht, innerhalb des MPH Strom an ihre Mitglieder zu liefern.

Methodische Vorgehensweise

In einem ersten Schritt wurden anhand einer Literatur-Recherche und von Interviews sowie dem Besuch einschlägiger Veranstaltungen alle aktuellen Entwicklungen auf diesem Gebiet erhoben. Schritt 2 beinhaltete eine detaillierte Untersuchung der einzelnen fachspezifischen Aspekte, die technische, rechtliche, administrative, nutzerspezifische und wirtschaftliche Fragestellungen umfasst. In einem dritten Schritt wurde auf Basis einer abschließenden Bewertung der Ergebnisse und der ermittelten Parameter ein konkretes Finanzierungs-, Dienstleistungs- und Geschäftsmodell entwickelt. Mögliche zukünftige Nutzer von PV-Gemeinschaftsanlagen wurden über eine Befragung eingebunden, um deren Bereitschaft einer Teilnahme an einer gemeinschaftlichen Nutzung einer gemeinschaftlichen Photovoltaik-Anlage zu erheben und deren Präferenzen einbeziehen zu können. Anhand zweier Modellhäuser großer Wohnbaugesellschaften in Graz und Salzburg erfolgte eine technische und wirtschaftliche (Kapitalwertmethode, Amortisationszeit) Evaluierung. Für das Modellhaus Graz wurde die erstmalige Errichtung einer PV-Anlage konzipiert. Das Modellhaus Salzburg verfügt bereits über eine PV-Einspeiseanlage, es wurde die Umstellung auf eine Nutzung in den Wohneinheiten untersucht. Neben zukünftigen Nutzern sowie Wohnbaugesellschaften waren auch die Kommunen (Graz und Salzburg) sowie ein EVU und Netzbetreiber in Graz als fachliche Feedbackgeber und zur Überprüfung der Durchführbarkeit eingebunden. Ebenso steuerten die Energiefachabteilungen der Länder Salzburg und Steiermark ihr Feedback bei.

Ergebnisse und Schlussfolgerungen

Die Eignung der Genossenschaft als Organisationsform für die Abwicklung des Geschäftsmodells zur Belieferung des PV-Stroms an die Bewohner von MPH wurde durch die Projektergebnisse bestätigt. In einer Genossenschaft können sowohl die Wohnbaugesellschaft, interessierte Bewohner des MPH, aber auch die Kommune, oder sonstige (halb)öffentliche Organisationen mit entsprechendem Interesse und eventuell ein Energielieferant beteiligt werden. Die Veröffentlichung des Entwurfs zur Novelle des ElWOG 2010 während der Projektlaufzeit hat eine Klärung wesentlicher Unsicherheiten im Bereich der Administration und Abrechnung in Aussicht gestellt. Die dort definierten Vorgaben wurden in den entwickelten Geschäftsmodellen berücksichtigt. Die Befragungen in zwei Modellhäusern in Graz und Salzburg haben ein Interesse der BewohnerInnen an solchen Ansätzen ergeben, sind aufgrund der kleinen Stichprobe sowie eines relativ geringen Rücklaufs jedoch nicht repräsentativ.

Die Wirtschaftlichkeit ist je nach Voraussetzungen gegeben. Die Kosten für die Entwicklung und Administration einer entsprechenden gemeinschaftlich finanzierten und genutzten PV-Anlage wurde zum ersten Mal umfassend erhoben und in der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung integriert. Es zeigte sich, dass eine entsprechende Projektgröße notwendig ist um die administrativen Fixkosten decken zu können.
Es wurden folgende drei Finanzierungs- und Geschäftsmodelle im Projekt entwickelt und bewertet:

  • Modell 1 – Energiegenossenschaft für Mieter (1a) und Eigentümer (1b)
  • Modell 2 – Energiegenossenschaft mit integriertem Stromtarif
  • Modell 3 – Direktvermarktungsmodell durch Wohnbaugesellschaft für Miethaus

Hierbei wurde das Hauptaugenmerk auf das Modell 1 gelegt. Modell 1 stellt das ursprünglich angedachte Geschäftsmodell mit der Möglichkeit einer finanziellen Beteiligung durch interessierte BewohnerInnen dar. Der Reststrom wird durch den jeweils präferierten Energielieferanten geliefert. Modell 2 entspricht dem in Deutschland bereits angewandten Mieterstrommodell mit Vollstromversorgung des Mieters durch die Energiegenossenschaft.

Dieses wurde konzipiert, wirft jedoch viele noch offene Fragen auf, deren Klärung den Rahmen dieses Projektes gesprengt hätte. Modell 3 stellt eine Variante dar, bei der die Wohnbaugesellschaft die Finanzierung der PV-Anlage im Rahmen der Erhaltungs- bzw. Verbesserungsarbeiten des betroffenen MPH (Miethaus) selbst übernimmt. Die verschiedenen rechtlichen Aspekte für Mieter und Wohnungseigentümer wurden aufgezeigt. Je nach anwendbarem Recht in Miet- bzw. Eigentumswohnungen bestehen unterschiedliche Voraussetzungen für die Entscheidung über die Installation einer PV-Anlage. Die konzipierten Geschäftsmodelle sind prinzipiell sowohl für die erstmalige Errichtung von PV-Anlagen als auch in adaptierter Form für die Umstellung einer bestehenden Einspeise PV-Anlage auf Direktnutzung anwendbar.
Mit den vorliegenden Ergebnissen ist ein weiterer Schritt in Richtung einer verstärkten Vor-Ort Nutzung des erneuerbaren Energieträgers Photovoltaik in dem bisher nicht umfassend genutzten Bereich des Wohnbaus getan. BewohnerInnen von MPH können an den wirtschaftlichen Vorteilen einer PV-Eigenstromnutzung teilhaben. Lokal erzeugter Sonnenstrom ist aus technischer Sicht kostengünstiger als der öffentliche Strom aus dem Netz (Netzparität). Daher ermöglichen entsprechende Modelle eine Einsparung bei den Stromkosten sowie eine Verzinsung des eingesetzten Kapitals. Für die Wohnbaugesellschaften besteht die Möglichkeit, den Wohnraum für verschiedene Kundensegmente attraktiver zu gestalten. Kostenersparnisse beim Strombezug, das Angebot einer gemeinschaftlichen Investition oder der ökologische Aspekt sind dabei wichtige Komponenten.

Ausblick

Bei Folge-Arbeiten wird ein Schwerpunkt auf die Ansiedlung der administrativen Abwicklung empfohlen. Wohnbaugesellschaften sehen sich nicht immer in der Lage eine leitende Funktion in der Energiegenossenschaft zu übernehmen. Die Einbindung weiterer Akteure, die auch für die administrative Abwicklung in Frage kommen, ist zu überprüfen.

Mit diesem Bericht wird unseres Wissens nach erstmals eine umfassende Wirtschaftlichkeits-Bewertung veröffentlicht, welche neben technischen Kosten von PV-Anlagen auch umfangreiche, administrative Kosten berücksichtigen und diese in die üblichen Kennzahlen der Wirtschaftlichkeit (Stromgestehungskosten) einfließen lassen. Aufgrund der potentiell hohen administrativen Kosten ist deren Berücksichtigung in weiteren Analysen dringend zu empfehlen. Zudem werden die sinkenden Preise für Speicherlösungen voraussichtlich zu einer kosteneffizienten Erhöhung des Direktverbrauchs führen. Während dies zum Zeitpunkt der Studie noch nicht gegeben war, sollten Speicher in der weiteren Entwicklung berücksichtigt werden.

Es wäre zudem wichtig, mehr über die Vorstellungen der Wohnbaugesellschaften zum Thema dieser Untersuchung zu erfahren um das Potential einer künftigen Umsetzung der hier dargestellten Geschäftsmodelle näher abschätzen zu können. Daher wird das Konsortium den weiteren Austausch mit Wohnbaugesellschaften suchen.

Die im Rahmen dieser Untersuchung durchgeführten Befragungen in Graz und Salzburg geben lediglich einen ersten, deskriptiven Einblick in die Meinungen von potenziellen Teilnehmern bei PV-Hausanlagen bieten. Umfassendere Erhebungen und Befragungen von BewohnerInnen sind daher nötig, um einen besseren Eindruck der Skalierbarkeit zu erhalten.

Publikationen

Innovatives Finanzierungs- und Geschäftsmodell für PV Gemeinschaftsanlagen auf Mehrparteienhäusern zur Vor-Ort Nutzung

Ziel war, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, um die verstärkte Errichtung von Photovoltaik (PV)-Anlagen auf Mehrparteienhäusern mit Eigennutzung des Stroms durch die Bewohner zu ermöglichen. Durch Einbindung der Kommune wird Überschussstrom an sie zur Vor-Ort Nutzung geliefert. Als Basis des Geschäftsmodells wurden mit Stakeholdern technische, rechtliche, administrative, nutzerbasierte, wirtschaftliche Barrieren analysiert und Lösungsansätze eruiert. Schriftenreihe 33/2017
S. Woess-Gallasch, D. Frieden, W. Aichinger, H. Rest-Hinterseer, R. Haslinger, G. Korpitsch, M. Auer, et al., Herausgeber: bmvit
Deutsch, 150 Seiten

Downloads zur Publikation

Projektbeteiligte

Projektleitung

Mag. Susanne Woess-Gallasch, JOANNEUM RESEARCH Forschungsgesellschaft mbH

Projekt- bzw. KooperationspartnerInnen

  • Dr. Walter Aichinger, Ebner Aichinger Guggenberger Rechtsanwälte GmbH
  • DI Gerhard Korpitsch, KW Solartechnik-Planungs-Entwicklungs-Produktions- und Vertriebs Ges.m.b.H.
  • Mag. (FH) Heidi Rest-Hinterseer, AEE-Arbeitsgemeinschaft Erneuerbare Energie – Salzburg

Kontaktadresse

JOANNEUM RESEARCH Forschungsgesellschaft mbH
LIFE – Zentrum für Klima, Energie und Gesellschaft
Mag. Susanne Woess-Gallasch
SCIENCE TOWER, Waagner-Biro-Strasse 100, A-8020 Graz
Tel.: +43 (316) 876-7655
Efax: +43 (316) 876-7699
E-Mail: susanne.woess@joanneum.at
Web: www.joanneum.at/life

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