Foto: Frontansicht der Schule Schwanenstadt

Passivhaussanierung Klosterneuburg Kierling

Sanierung einer Wohnhausanlage aus den 1970er Jahren auf Passivhausqualität unter Nutzung erneuerbarer Energie.

Inhaltsbeschreibung

Status

Abgeschlossen

Kurzfassung

Wohnbauten der Nachkriegszeit stehen derzeit zur Sanierung an. Neben Abnutzung, Energievergeudung und nicht mehr zeitgemäßer Ausstattung leiden diese Bauten auch an mangelnder architektonischer Attraktivität. Vorliegendes Projekt präsentiert als Musterlösung einen ganzheitlichen Sanierungsansatz in Passivhausqualität.

Gebäude der Nachkriegszeit bis zum Beginn der 80er Jahre sind energetisch und damit auch ökologisch besonders problematisch: kaum wärmegedämmt verlieren sie viel Energie und werden zudem oft technisch mangelhaft und damit ökologisch und wirtschaftlich nicht sinnvoll mit Energie versorgt. Gleichzeitig bieten die meist recht einfachen, kompakten Baukörper aber günstige Voraussetzungen für energetische Sanierungen. Außerdem stellt die Sanierung fast ungedämmter Bauten und mangelhafter Heizsysteme eine wirtschaftliche und ökologisch effektive Maßnahme dar, um die Umwelt zu schonen, Energie zu sparen und wirtschaftliche Vorteile für den Betrieb zu erreichen. Diese Maßnahmen in der Sanierung weisen z.B. weit höhere CO2 Einsparungspotenziale auf als etwa eine verbesserte Bauweise im Neubau.

Was war auslösend für die Sanierung?

Da die Bauten der Nachkriegszeit bis in die frühen 80er Jahre derzeit zur Sanierung anstehen (Heizsysteme, Fenster, Dacheindeckungen, Verblechungen, bewegliche Teile, etc.), würde eine halbherzige, der gängigen Praxis entsprechende Sanierung von Einzelteilen, ohne Berücksichtigung der Gesamtheit (der gesamten Architektur) ein besonders bedenkliches Versäumnis darstellen, da diese Gebäude dann in den nächsten 20 bis 25 Jahren kaum neuerlich saniert werden und die einzelnen umgesetzten Sanierungsmaßnahmen selbst oft neue Probleme (Schimmelbildung durch dichte Fenster etc.) verursachen.

Oft leiden diese Gebäude neben der Abnutzung und der relativ anspruchslosen Bauweise ihrer Zeit auch unter architektonischen Imageproblemen und werden deshalb – bei zunehmend gesättigtem Wohnungsmarkt – immer schwerer vermiet- und verkaufbar, wenn sie nicht attraktiv saniert werden. Zu diesen Mängeln kann auch eine – heute nicht mehr akzeptierbare – erschwerte Zugänglichkeit für behinderte Personen zählen.

Welche Maßnahmen werden durchgeführt?

In diesem Projekt wird ein neuer gesamtheitlicher Sanierungsansatz – der als Musterlösung auch auf die Gesamtheit dieses Bautyps übertragbar ist – vorgestellt, der sich nicht nur als ökologisch optimierte bautechnische Maßnahme versteht, sondern als Architekturarbeit. Ein Architekturkonzept, das durch eine hochwertige Haustechnik nachhaltig abgesichert, kostenmäßig belegt und ganz allgemein so gestaltet ist, dass auf diese Art und Weise sanierte Objekte ein gutes Ergebnis in der TQB(Total Quality Building)-Gebäudebewertung erreichen und damit hinsichtlich dem TQB-Gebäudezertifikat mit Neubauten am Markt konkurrieren können.

Ziele des Projekts

Energetische Sanierung

  • Gebäudehülle
    Da die gegebenen Dämmwerte der Baustoffe relativ schlecht sind und die Details Wärmebrücken schaffen, wird das gesamte Gebäude mit einer Wärmedämmfassade mit hohem Standard (20 cm) versehen werden. Ferner werden die Fenster ausgetauscht und die Fensteranschlüsse zum Gebäude mit hoher Wärme- und Luftdichtigkeit ausgeführt. Die gegebene Kühlrippenfunktion der südlichen Balkone wird durch eine allseitige Dämmung der Balkonplatten und zusätzlich durch eine Einhausung der Balkone mit einer Verglasung (Wintergarten) beseitigt. Die Kellerdecken werden zu den beheizten Gebäudeteilen hochwertig gedämmt und die erdberührenden Kellerwände soweit innen und außen gedämmt, dass der Wärmeabschluss auch durch diesen Gebäudeteil minimiert wird.
    Die Dachflächen werden ebenfalls hochwertig gedämmt bzw. wird durch das Aufsetzen von Wohnungen und entsprechende Wärmedämmung auch für diesen Bereich der Wärmeabfluss minimiert. Durch diese Maßnahmen und dank der gegebenen kompakten Bauform kann der Wärmeverlust soweit gesenkt werden, dass der verbleibende Heizwärmebedarf über die Luft - und zwar ohne Komfortverlust und ohne den hygienisch notwendigen Luftwechsel wesentlich zu überschreiten (Passiv-Haus-Prinzip) - abgedeckt werden kann. Dadurch erübrigt sich die Installation eines völlig neuen Heizsystems (um die altersschwache und sehr teure Fußboden- Elektroheizung zu ersetzen).
    Da die beschriebene thermische Sanierung die Wärmeverluste sehr weit senkt, ist zu erwarten, dass der Energieverlust durch die Lüftung gleich oder größer ist als der Energieverlust über die Gebäudehülle und ein Wert von 15 kWh/m² erreicht wird.

  • Kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung
    Als weitere Maßnahme zur Heizenergie- (und Kosten-) Senkung wird die Wärme aus der Abluft zum Erwärmen der Zuluft über einen Wärmetauscher verwendet (Lüftungswärmerückgewinnung). Dadurch kann nicht nur die Wärme der Luft größtenteils im Haus gehalten werden, sondern es wird auch ständig beste Luftqualität (auch während der Zeit des Schlafens) garantiert, Schimmelbildung und ähnliche Probleme werden von vornherein ausgeschlossen. Es wurden die Varianten zentrale, dezentrale sowie "semizentrale" Lüftungsanlage (je Wohneinheit) untersucht, wobei die dezentralen Anlagen Komfortvorteile zeigen, die zentrale Anlage kostenmäßig und ökologisch günstiger ist und eine Luftvorwärmung über einen Erdwärmetauscher oder Wasser-Erdregister bzw. Energiepfähle (als Hangsicherungsmaßnahme) erlauben würde. Nach Abwägung aller Aspekte kommt eine zentrale Lüftungsanlage zur Ausführung. Die Energieeinsparungen über die Dämmung und Lüftung mit Heizung über das Luftsystem sind mit 90 % jedenfalls beachtlich.

  • Heizung
    Ein wesentlicher Teil des Wärmebedarfs wird – bei den äußerst geringen Verlusten – bereits durch die inneren Wärmequellen (Menschen, Haushaltsgeräte, Beleuchtung etc.) abgedeckt. Der geringe restliche Wärmebedarf wird über die nötigen Luftwechsel eingebracht (ohne die negativen Effekte von Klimaanlagen). Ein konventionelles Heizsystem (das im konkreten Fall als Ersatz für die Elektroheizung erst eingebaut werden müsste) wird nicht mehr benötigt.
    Theoretisch könnten die bestehenden Elektro-Fußbodenheizungen für den Rest ihrer Funktionszeit noch für die Beheizung während der Zeit, in der keine BewohnerInnen zu Hause sind (z.B. Urlaub) und keine Umluft benötigt wird, zur Beheizung verwendet werden (abhängig von Anschlussgebühr).
    Die Wärme wird zentral mit Biomasse (Pellets) erzeugt werden.

  • Warmwasser
    Die derzeitige Wassererwärmung über Elektroboiler wird durch eine zentrale Warmwasserbereitung mit Solarkollektoren (57 %) und Nachheizung aus Biomasse ersetzt. Die Kollektoren befinden sich im Dach des neuen Aufbaus.
    Die dargestellten Maßnahmen sollen in Summe zu einer Reduktion von 36 kg CO2 equ./m²WNF,a auf 6 kg CO2 equ./m²WNF,a führen.

Barrierefreiheit für Behinderte

Die Zugänglichkeit von der Straße zum Eingangsniveau der bestehenden Gebäude wird durch einen Lift am derzeitigen Eingang und einer Verbindungsbrücke geschaffen. Von hier kann man über – im Bereich der Stiegenhäuser – vorgesetzte Lifte auf die Zwischenpodeste der bestehenden Stiegenhäuser gelangen. Bei Bedarf können Stiegenlifte über die jeweiligen Halbstiegen eingebaut werden, um einen direkten Zugang zur Haustür zu schaffen.

Verbesserung der Architektur- und Wohnqualität

Zunächst stellt die Barrierefreiheit sicher für alle BewohnerInnen eine Qualitätsverbesserung dar. Die vorgesetzten Lifttürme setzen ein selbstbewusstes Zeichen für Erneuerung und Modernität des Gebäudes und können auch einen Schallpuffer zur Straße darstellen.

Mögliche neue Zugänge zu den Stiegenhäusern im Bereich der Lifte ermöglichen die Schaffung von Gemeinschaftsräumen im Erdgeschoss (keine Durchgangsräume mehr), die gut als Kinderwagenabstellräume, Fahrradräume, eventuell auch als Internet- oder Hobbyräume oder ähnliches genutzt werden könnten.

Die neuen Wintergärten an der Südseite bilden Pufferräume (geringer Wärmeverlust) und können in den oberen Geschossen auch einen kleinen Beitrag zur Beheizung liefern. Gleichzeitig stellen sie – insbesondere außerhalb der Heizperiode – eine attraktive Erweiterung der Wohnfläche dar.
Einfache neue Färbelungen können gemeinsam mit dem bautechnisch guten Gebäudezustand eine attraktive Wohnhausanlage schaffen, die sicherlich auch zu Neubauten konkurrenzfähig sein wird.

BewohnerInneneinbindung

Umfassende Sanierungsmaßnahmen erfordern im Vergleich zu Neubauvorhaben ein ungleich höheres Maß an Einbindung der BewohnerInnen. Zum einen erfordern verschiedene Maßnahmen die Zustimmung aller bzw. einer Mehrheit der BewohnerInnen vor dem Hintergrund rechtlicher Rahmenbedingungen. Zum anderen liegt es im Interesse des „sozialen Friedens“, innerhalb der Wohngemeinschaft sowie zwischen BewohnerInnenschaft und Bauträger/Gebäudeeigentümer eine bestmögliche Abstimmung des Sanierungskonzeptes zu erreichen und Information über den Sanierungsablauf zu geben.

Von Projektbeginn an wurden die BewohnerInnen laufend durch Aussendungen, Versammlungen und Einzelgespräche über die Modernisierung und die persönlichen Folgen der Maßnahmen (Kosten / ggf. Mieterhöhung, Terminplan – Ablauf der Baumaßnahmen, Belastung während der Bauzeit, etc.) informiert. Insbesondere Einzelgespräche mit allen Hausparteien haben geholfen, das Sanierungskonzept zu erläutern und an die spezifischen Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner im Rahmen der Möglichkeiten anzupassen. Somit konnte ein außerordentlich hoher Zustimmungsgrad für das Sanierungskonzept erreicht werden.

Dachausbau – zur Schaffung von attraktiven zusätzlichen Wohnungen

Innerhalb eines theoretischen Satteldachumrisses wird ein zweigeschossiger Dachausbau realisiert. Dieser ist von Süden her den ganzen Winter besonnt und bietet attraktive Ausblicke nach Norden. Dementsprechend werden im Süden großzügige Terrassen vorgesehen.

Der Ausbau wird mit Massivholzplatten ausgeführt. Neben den ökologischen Vorteilen bietet dieses System auch den Vorteil geringer Belastung für den Bestand und sehr schnelle Montierbarkeit.

Der Dachausbau erspart Wärmedämm- und Sanierungsmaßnahmen am bestehenden Dach und der Verkauf dieser Wohnungen kann zur Finanzierung der hochwertigen Sanierung des Bestandes beitragen. Die Ausführung wird auch hier im Passivhausstandard erfolgen.

Aufwertung der Liegenschaft durch Wohnneubau

Am gleichen Grundstück wird, das Sanierungsprojekt nur indirekt betreffend, ein Neubau (13 Maisonettenwohnungen) in Passivhausqualität errichtet.

Passivhaussanierung als Standardlösung?

Die Erfahrungen der Planungs- und Ausschreibungsphase in Kierling zeigen, dass Sanierungen auf Passivhausqualität möglich sind, jedoch auf Seiten der Planung als auch der Kostenstruktur eine große Herausforderung darstellen. So können beispielsweise die an das gegenständliche Projekt angelegten qualitativen Maßstäbe nur über eine Querfinanzierung von den Erlösen der Nachverdichtung hin zu den Sanierungsmaßnahmen wirtschaftlich und ohne außerordentliche Mieterhöhungen dargestellt werden.

Zukünftig ist zu erwarten, dass sich das Planungs- und Umsetzungs-Know-how erhöhen und die Kostenstrukturen zugunsten energetisch hocheffizienter Sanierungen verbessern, nicht zuletzt aufgrund der zu erwartenden Erhöhungen der Energiepreise. Für Fördergeber, Kreditinstitute und Energiedienstleister gilt es, weiter an attraktiven Finanzierungsmodellen zu arbeiten.

Passivhaussanierungen im mehrgeschossigen Wohnungsbau werden somit wohl auch weiterhin Pilotcharakter haben. Das Modell Kierling zeigt jedoch eindrücklich, dass Sanierungen mit Niedrigenergiestandard im Bereich von 30 kWh/m² bereits derzeit Standard sein könnten.

Die Bauphase in Kierling beginnt mit Herbst 2011 und wird weitere wertvolle Erkenntnisse bringen.

Downloads

Passivhaussanierung Klosterneuburg Kierling

Schriftenreihe 41/2011 F. Kühr, Herausgeber: bmvit
Deutsch, 411 Seiten

Downloads zur Publikation

Projektbeteiligte

Projektleiterin

Florian Kühr
BUWOG Bauen und Wohnen Ges.m.b.H.

Auflistung der weiteren Projekt- bzw. KooperationspartnerInnen

  • Prof. Arch. DI. Georg W. Reinberg
    Lindengasse 36/10, 1070 Wien,
    Tel.: +43 (1) 5248280
    E-Mail: architekt@reinberg.net
    Website: www.reinberg.net
  • Prof. DI. Dr. Manfred Bruck,
    Prinz Eugen-Straße 66, 1040 Wien
  • Rowa Gebäudetechnische Planungs-GmbH., Ing. Walter Ganneshofer,
    Am Schönberg 15, 2500 Baden
    Tel.: +43 (2252) 206526
    E-Mail: office@rowa-hkls.at
  • Österreichisches Ökologie-Institut, DI Georg Tappeiner
    Seidengasse 13, 1070 Wien
    Tel.: +43 (1) 5236105
    E-Mail: tappeiner@ecology.at
  • AEE INTEC, Ing. Waldemar Wagner
    Feldgasse 19, 8200 Gleisdorf
    Tel.: +43 (3112) 5886-14
    E-Mail: w.wagner@aee.at

Kontaktadresse

BUWOG Bauen und Wohnen Ges.m.b.H.,
Florian Kühr
1130 Wien, Hietzinger Kai 131
Tel.: +43 (1) 87828-1115
Mobil: +43 (664) 60928 1115
E-Mail: florian.kuehr@buwog.at
Website: www.buwog.at

This content in English

Diese Seite teilen ...

zum Anfang