Foto: Frontansicht des KlimaKomfortHauses in Wien

Nutzererfahrungen als Basis für nachhaltige Wohnkonzepte

Befragung von 350 ÖkohausbewohnerInnen in Österreich, exemplarische Nutzerbeteiligung zur Bewertung innovativer Gebäudekonzepte mittels Fokus-Gruppendiskussionen, Erarbeitung eines innovationsorientierten Beteiligungsmodells

Inhaltsbeschreibung

Status

abgeschlossen

Kurzfassung

Zusammenfassung

Der ökologisch orientierte Wohnbau steht vor einer neuen Herausforderung: Aufbauend auf die Erkenntnisse und Erfolge primär technischer Ökologisierungsstrategien der letzten beiden Jahrzehnte sollen nun Wege gefunden werden, den zentralen Lebensbereich "Wohnen" stärker mit dem Konzept der nachhaltigen Entwicklung in Verbindung zu bringen.
Das vorliegende Forschungsprojekt befasst sich zu diesem Zweck mit NutzerInnen ökologisch optimierter Wohngebäude in Österreich, mit deren Einstellungen und Verhaltensweisen und mit den spezifischen Erfahrungen, die mit der Praxis ökologischen Wohnens einhergehen. Die Ergebnisse sollen als sozialwissenschaftlicher Beitrag die Entwicklung nachhaltiger Bau- und Wohnkonzepte im Forschungsschwerpunkt "Haus der Zukunft" des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie unterstützen.

Methoden und Arbeitsschritte

Das Themenfeld "Nutzererfahrungen" wurde von drei unterschiedlichen Perspektiven aus bearbeitet:

  1. Im Rahmen einer österreichweiten schriftlichen Befragung wurden die Erfahrungen und Einstellungen von 350 NutzerInnen ökologisch optimierter Wohngebäude erhoben ("Post-Occupancy Evaluation").
  2. Zwei innovative Wohnhauskonzepte aus dem Forschungsschwerpunkt "Haus der Zukunft" wurden von erfahrenen NutzerInnen in Fokus-Gruppendiskussionen bewertet.
  3. Auf Basis dieser beiden Zugänge wurde ein Beteiligungsmodell erarbeitet, das konkrete Möglichkeiten aufzeigt, wie NutzerInnen zukünftig an verschiedenen Phasen der Entwicklung, Planung und Umsetzung nachhaltiger Wohnkonzepte beteiligt werden könnten.

Befragungsergebnisse

Die in den letzten 10 Jahren errichteten Gebäude entsprechen zwar umwelttechnisch gesehen immer besser den Anforderungen für ökologisches Bauen, durch deutlich größere Wohnflächen und die klare Tendenz zu extensiven Bebauungsformen werden diese Vorteile jedoch deutlich reduziert (Rebound-Effekte i. w. S.). Bei den NutzerInnen ökologischer Wohngebäude handelt es sich um "klassische" innovators und early adopters mit hohem Bildungsniveau und entsprechend hohem Einkommen. Es dominieren technische, soziale und pädagogische Berufe. Selbst ÖkohausbewohnerInnen begründen die Entscheidung für das neue Haus oder die neue Wohnung in erster Linie mit traditionellen Motiven, im Vordergrund steht der Wunsch nach mehr Wohnraum, meist ausgelöst durch familiäre Veränderungen. Während bei EigentümerInnen, die sich intensiv mit ökologischen Fragestellungen auseinandersetzen, auch ökologische Motive eine entscheidende Rolle im Entscheidungsprozess spielen, trifft dies auf MieterInnen nur in wenigen Fällen zu. Ein Vergleich von großvolumigen Wohnungsbauten, Gruppenwohnprojekten und Einfamilienhäusern zeigt, dass die allgemeine Wohnsituation in diesen drei Typen äußerst unterschiedlich bewertet wird.

Am höchsten ist die Zufriedenheit im Einfamilienhausbereich, etwas weniger zufrieden sind BewohnerInnen von Gruppenwohnprojekten und die relativ geringste Zufriedenheit und die meisten technischen Probleme treten im Geschosswohnungsbau auf. In Gruppenwohnprojekten und beim Bau von Einfamilienhäusern bestehen im Vergleich zum großvolumigen Wohnungsbau weitgehende Mitbestimmungsmöglichkeiten für die späteren NutzerInnen. Durch die Auseinandersetzung mit technologischen Fragen des ökologischen Bauens werden auf Nutzerseite Lernprozesse in Gang gesetzt, die sich positiv auf die Akzeptanz innovativer Technik und auf einen adäquaten Umgang mit der Haustechnik in der Nutzungsphase auswirken.

Exemplarische Nutzerbeteiligung

Mit der Durchführung der beiden Fokus-Gruppendiskussionen wurden zwei Zielsetzungen verfolgt:

  1. sollten aktuelle Erfahrungen mit Nutzerpartizipation bei der Entwicklung von Gebäudekonzepten gesammelt werden, wobei die Frage im Vordergrund stand, ob eine derart frühzeitige Partizipation zu brauchbaren Ergebnissen führen kann;
  2. sollten konkrete, anwendbare Feedback-Ergebnisse für den Themenschwerpunkt "Haus der Zukunft" erarbeitet werden.

Die zur Bewertung ausgewählten Baukonzepte (HY3GEN - Ein nachwachsendes Haus, Anwendung der Passivhaustechnologie im sozialen Wohnbau in Wien; beide aus der Programmlinie "Haus der Zukunft") sind im Bereich des großvolumigen Wohnungsbaus angesiedelt und zeichnen sich durch ein hohes Innovationspotenzial aus. Bei den Diskussions-TeilnehmerInnen handelte es sich ausnahmslos um NutzerInnen mit mehrjährigen Erfahrungen mit ökologischen Wohnformen und Interesse am Thema "ökologisches Bauen". Die Diskussionsbeiträge bezogen sich sowohl auf die Konzepte an sich als auch auf einzelne Aspekte und mögliche Konstruktionsdetails, die auf der Basis eigener Erfahrungen besprochen und bewertet wurden. Sämtliche TeilnehmerInnen vertraten die Meinung, dass gerade bei innovativen Gebäudekonzepten die Möglichkeit zur Mitbestimmung von großer Bedeutung ist, da auf diese Weise eine wesentliche Voraussetzung für einen bewussten Umgang mit dem Gebäude und der Haustechnik geschaffen werden kann. Mit den beiden exemplarisch durchgeführten Fokus-Gruppendiskussionen konnte gezeigt werden, dass es möglich und sinnvoll ist, innovative Hauskonzepte, die sich in einer noch sehr frühen Entwicklungsphase befinden, aus Nutzerperspektive bewerten zu lassen.

Beteiligungsmodell

Auf Basis der Befragung und den Erfahrungen mit exemplarischen Nutzerbeteiligungsprojekten wurde ein Modell für zukünftige Beteiligungsstrategien ausgearbeitet. Die im Impulsprogramm ausgewählten Baukonzepte sollen nicht nur erforscht, sondern letztlich auch realisiert und bewohnt werden. Aus diesem Grund umfasst der Vorschlag die vier Phasen

  1. Forschung und Entwicklung,
  2. Planung,
  3. Errichtung und
  4. Nutzung

der Gebäude. Bei der Anwendung des Modells muss für jede Entwicklungsphase geklärt werden, welche Themenstellungen sich für ein Beteiligungsverfahren eignen, welche Methoden zu brauchbaren Ergebnissen führen können und schließlich welche Nutzergruppen jeweils einbezogen werden sollen. In Bezug auf die TeilnehmerInnen der vorgeschlagenen Partizipationsformen kann prinzipiell davon ausgegangen werden, dass in frühen Entwicklungsphasen eine Beteiligung von erfahrenen Nutzergruppen angebracht ist. Je weiter das Projekt in Richtung Realisierung fortschreitet, desto eher wird es sinnvoll sein, zukünftige NutzerInnen am Planungsprozess zu beteiligen. Beide Beteiligungsformen sollen die soziale Einbettung innovativer Gebäudekonzepte unterstützen.

Schlussfolgerungen

Die Erfahrungen der ÖkohausbewohnerInnen zeigen, dass die Akzeptanz von und die Zufriedenheit mit neuen Lösungen weitaus weniger mit dem tatsächlichen Funktionieren von Technik zu tun hat, als mit Sinnzuschreibungen seitens der NutzerInnen und der sozialen Organisation des Bauens und Wohnens. Zufrieden ist man, wenn man die mit den technischen Konzepten verfolgten Zielsetzungen befürwortet, Möglichkeiten der individuellen Beeinflussbarkeit gegeben sind, wenn man das Gefühl hat, kompetent informiert zu werden, und im Fall von Problemen gut beraten und betreut wird.

Nachhaltiges Bauen und Wohnen hat dann hohe Umsetzungschancen, wenn für alle beteiligten Akteure Lernprozesse ermöglicht werden. Bauvorhaben sind dann sozial innovativ und im Sinn einer nachhaltigen Entwicklung erfolgreich, wenn entsprechende Lernmilieus mitgeplant und von den Beteiligten entsprechend genutzt werden. Solche Lernmilieus können sich auf a) dauerhafte Verhaltensänderungen, b) die soziale Einbettung (sinnhafte Aneignung) neuer Technik oder c) die Verbesserung der eingesetzten Technologien beziehen.

Parallel zur technischen Weiterentwicklung zukünftiger Baukonzepte sollten daher soziale Experimentier- und Lernfelder geschaffen werden, die

  • eine Aneignung und Reinterpretation des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung für den Wohnbereich ermöglichen;
  • im Sinne von "Constructive Technology Assessment" dazu beitragen, technische Entwicklungen bereits frühzeitig an Nutzerinteressen anzubinden;
  • ökologisches Lernen sowohl auf Seiten der Hersteller von Wohngebäuden als auch auf der Nutzerseite fördern und unterstützen.

Nachhaltige Wohngebäude mit hoher sozialer Akzeptanz und damit einem hohen Verbreitungspotenzial werden eine große Vielfalt aufweisen (müssen). Je nach Nutzergruppe werden unterschiedliche Vorstellungen und Wünsche die Art der Gebäude und die damit verbundenen Lebensformen bestimmen. Nachhaltigkeit ist dabei ein inhaltlicher Bezugspunkt, der sich mit den entwickelten Konzepten selbst weiterentwickelt.

Downloads

Nutzererfahrungen als Basis für nachhaltige Wohnkonzepte

Schriftenreihe 22/2001 M. Ornetzeder, H. Rohracher, et.al.
Deutsch, 198 Seiten, vergriffen

Downloads zur Publikation

Bibliographische Daten

Nutzererfahrungen als Basis für nachhaltige Wohnkonzepte

Grundlagenstudie, Endbericht

Auftragnehmer:
Zentrum für Soziale Innovation (ZSI)

Autoren:
Michael Ornetzeder (ZSI, Projektleiter)
Harald Rohracher (IFZ)
In Zusammenarbeit mit: Uli Kozeluh, Bernd Kumpfmüller, Irene Schwarz

Berichte aus Energie- und Umweltforschung 22/2001

Wien, März 2001
192 Seiten

Projektbeteiligte

Projektleiter:

Mag. Dr. Michael Ornetzeder, Zentrum für soziale Innovation (ZSI)

MitarbeiterInnen:

Mag. Irene Schwarz, Mag. Bernd Kumpfmüller
Zentrum für soziale Innovation (ZSI)
DI Mag. Harald Rohracher
Interuniversitäres Forschungszentrum für Technik, Arbeit und Kultur (IFF/IFZ)

Kontakt

Michael Ornetzeder
Zentrum für soziale Innovation
Koppstraße 116/11
A 1160 Wien
Tel. +43 (0)1 49 50 442-54
Fax +43 (0)1 49 50 442-40
E-Mail: ornetzeder.zsi@mail.boku.ac.at

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