Foto: Schiestlhaus

Akzeptanzverbesserung von Niedrigenergiehaus-Komponenten

Sozialwissenschaftliche Untersuchung von Akzeptanz und Verbreitungsstrategien für kontrollierte Be- und Entlüftungssysteme mit Wärmerückgewinnung und damit gekoppelten Heizungssystemen in Niedrigenergie- und Passivhäusern.

Inhaltsbeschreibung

Status

abgeschlossen

Kurzfassung

Zusammenfassung

In Gebäuden mit sehr niedrigem Energiebedarf (<30 - 40 kWh/(m² a)) wird das Lüftungs-system mit Wärmerückgewinnung zu einem zentralen Bestandteil der Haustechnik. In manchen Fällen (insbesondere Passivhäuser) erfolgt auch die Raumheizung zu einem Großteil über die Lüftungsanlage. Der Akzeptanz der kontrollierten Wohnraumlüftung und dem Zusammenspiel von Lüftung und Heizung bei Niedrigenergiehäusern kommt daher eine maßgebliche Bedeutung für die zukünftigen Verbreitungschancen solcher Gebäude zu.

Gegenstand des vorliegenden Projekts ist es, die bisherigen Erfahrungen von BewohnerInnen von Gebäuden mit kontrollierten Lüftungsanlagen zu evaluieren, Bedingungen für die Herstellung einer höheren Akzeptanz zu untersuchen und Perspektiven für die Unterstützung einer größeren Verbreitung und nutzergerechten Weiterentwicklung von Lüftungsanlagen in Kombination mit Niedrigenergiehausheizungssystemen aufzuzeigen.

Eine erfolgreiche Verbreitung von Lüftungsanlagen und Niedrigstenergiehäusern wird nicht zuletzt davon abhängen, ob es gelingt, diese Komponenten im Rahmen weiterer Innovatio-nen optimal an die Bedürfnisse der NutzerInnen anzupassen. Für solche Anpassungsleistungen ist ein wechselseitiger Lernprozess zwischen Herstellern und Anwendern (in diesem Fall nicht nur GebäudebewohnerInnen, sondern auch Bauträger, Architekten oder Haustechniker) eine wichtige Voraussetzung. In Anlehnung an das in den Niederlanden entwickelte Programm eines 'Constructive Technology Assessment (CTA)' und das aus der Innova-tionsforschung stammende Konzept der 'Lead User', werden im Bericht auch Überlegungen zu den Möglichkeiten einer Verbreiterung des Designprozesses von Technologien durch die aktive Einbeziehung von AnwenderInnen angestellt.

Methoden und Arbeitsschritte

  1. Exemplarische Akzeptanzstudie bei BewohnerInnen von Niedrigenergiehäusern mit kontrollierter Lüftung; standardisierte Befragung von 144 NutzerInnen ergänzt durch ca. 30 offene Interviews
  2. Expertenbefragung von Planern, Haustechnikern, Architekten, Herstellern und Bauträgern zu Hemmnissen und weiteren Perspektiven für die Verbreitung von kontrollierter Wohnraumbelüftung
  3. Akzeptanzanalyse und marketingbezogene Auswertung der offenen Interviews mit NutzerInnen und Nicht-NutzerInnen (KundInnen, die sich für Lüftungsanlagen interessiert haben, sich allerdings gegen einen Einbau entschieden haben) durch das qualitative Auswertungsverfahren GABEK (Ganzheitliche Bewältigung von Komplexität)
  4. Entwicklung von Strategien zur verstärkten Einbindung von AnwenderInnen in den Technologieentwicklungsprozess.

Ausgewählte Ergebnisse

Das Segment der NutzerInnen von kontrollierten Be- und Entlüftungsanlagen ist derzeit hauptsächlich auf eine kleine Gruppe ökologisch hochmotivierter EinfamilienhausbesitzerInnen und vereinzelte Geschoßwohnbauprojekte - oft im Bereich des sozialen Wohnbaus - beschränkt. Der Anteil solcher Wohnungen im Neubau dürfte derzeit in der Größenordnung von einem Prozent liegen. Die BewohnerInnen von Gebäuden mit kontrollierter Lüftung gehören signifikant zur höher gebildeten (und damit auch finanziell besser gestellten) Bevölkerungsschicht (z.B. 37% Universitäts/Fachhochschulabschluss gegenüber 7% im Bevölkerungsdurchschnitt).

Das Hauptmotiv zum Kauf einer Lüftungsanlage ist Energiesparen und Umweltschutz, wobei auch die erwartete Luftqualität und der Komfort einen hohen Stellenwert einnehmen. Die grundsätzliche Zufriedenheit mit Lüftungsanlagen ist vor allem im Einfamilienhausbereich sehr hoch (beinahe alle Befragten würden sich wieder eine Anlage installieren lassen), doch berichten viele BewohnerInnen über Probleme wie Geräuschentwicklung (41% der befragten EinfamilienhausbewohnerInnen), zu trockener Luft (49% der Geschoßwohnbauten) oder schlechte Regelbarkeit der Lüftungsanlage (48% der Befragten). Problematischer als in Einfamilienhäusern ist die Situation offenbar im Bereich der Geschosswohnbauten, wo sich die BewohnerInnen nicht bewusst für Lüftungsanlagen entschieden haben und unter Kostendruck manchmal schlecht funktionierende Anlagen errichtet wurden. Hier kommt das Problem der oft mangelhaften Information der MieterInnen (drei Viertel fühlen sich nicht ausreichend informiert) über Funktion und Umgang mit der Anlage hinzu. Ein positives Zeichen ist jedoch, dass sich Zufriedenheit und Erfahrung hin zu jüngeren Anlagen sowohl bei Einfamilien- und Mehrfamiliengebäuden verbessert. Die positiven oder negativen Erfahrungen korrelieren allerdings kaum mit den Errichtungskosten der Anlagen.

Lüftungsanlagen werden von BewohnerInnen vor allem mit Komfort, Ökologie und Gesundheit identifiziert. In Geschosswohnbauten stehen Wohnraumlüftungen allerdings eher für eine moderne Haustechnik als für Komfort und Ökologie.

Im Gegensatz zu den Zufriedenheitsfaktoren fällt auf, dass die Nicht-NutzerInnen - zum Teil durch mangelnde Information über und wenig direkte Erfahrungen mit Lüftungsanlagen - die meisten Eigenschaften der Produktgruppe negativ konnotieren. Interessanterweise handelt es sich bei diesen wahrgenommenen Nachteilen einer Lüftungsanlage primär um technische Aspekte (Angst vor schlechtem Funktionieren, Einschränkung bei Fensterlüftung, Unsichercheit wegen Wartung, hohe Kosten). Diese wirken allerdings auf zentrale Bedürfnisse wie Behaglichkeit und Gesundheit. Die von den Nicht-NutzerInnen wahrgenommenen technischen Problemfaktoren werden von den BewohnerInnen von Einfamilienhäusern bis auf einzelne Ausnahmen praktisch nicht als Probleme wahrgenommen. Ein wesentlicher Anteil an BewohnerInnen von Mehrfamilienhäusern lebt dagegen mit einem Großteil all derjenigen Probleme, die von den NichtnutzerInnen befürchtet werden. Das von den Nicht-NutzerInnen allerdings als sehr relevant empfundene Problem der Zugluft stellt sich den NutzerInnen meist gar nicht.

Ein Großteil der Probleme mit kontrollierter Wohnraumlüftung hängt nicht mit unausgereiften technischen Komponenten zusammen, sondern mit der Planung und Ausführung der Anlage, der Integration in das Gesamtgebäude, der Information der NutzerInnen, dem Kostendruck, der Einregulierung der Anlage nach Fertigstellung etc. Zwar lassen sich deutliche Lernprozesse und ein Know-how Zuwachs bei spezialisierten Planern, Architekten und Herstellern konstatieren, doch ist für einen großen Teil der einschlägigen Professionisten die Planung und Errichtung von Lüftungsanlagen im Wohnbau - insbesondere wenn über die Lüftungsanlage teilweise oder vollständig geheizt werden soll - ein Aufgabenfeld, in dem sie noch nicht über ausreichende Erfahrungen und Kompetenzen verfügen.

Auch wenn neue Anlagen verhältnismäßig ausgereift sind, gibt es auch auf der technisch-ökonomischen Ebene noch großes Verbesserungspotenzial. Dabei geht es etwa um die bessere Anpassung der Anlagen (z.B. des Preis-Leistungsverhältnisses) an die Erfordernisse des Wohnbaus, generell um Kostenreduktion durch höhere Stückzahlen, bessere Regelmöglichkeiten (Nutzerschnittstelle, Einzelraumregelungen) bzw. um die Entwicklung einfach handhabbarer Module, die eine einfachere Anlagenerrichtung ermöglichen. Das letzte Wort scheint auch bei der Art der Kombination von Lüftung und Heizung noch nicht gesprochen zu sein. Derzeit wird an einer Reihe von individuellen Lösungen zur Heizungsunterstützung der teilweisen Heizung über die Lüftungsanlage "gebastelt". Solche kostengünstigen Kombinationen von Luftheizungen mit anderen Heizsystemen dürften auch weiterhin ein wichtiges Segment neben alleinigen Luftheizungen (z.B. mit Kompaktgeräten) oder einer kompletten Trennung Lüftung - Heizung darstellen. Ein großer Bedarf wird auch für gut abgestimmte Kombinationen mit Holzheizungen (z.B. Kachelöfen) gesehen, wobei es hier bereits spezifische Entwicklungsarbeiten in diese Richtung gibt.

Schlussfolgerungen

Strategien zur besseren Verbreitung von Lüftungsanlagen sollten drei Ebenen besonders berücksichtigen:

Die Weiterentwicklung des rechtlichen, ökonomischen und organisatorischen Umfelds von Lüftungsanlagen, d.h. des Know-hows der Anlagenerrichter (Weiterbildungsmaßnahmen; Zertifizierung spezialisierter Anbieter), der regulatorischen und Förderrahmenbedingungen (Wohnbauförderungen, ÖNORM - z.B. Senkung des höchstzulässigen Schallpegels, Honorarordnungen für Planer etc.), der Planungskultur für Niedrigenergiegebäude (integrierte Planung), Erhöhung der Nachfrage bei Wohnbauträgern und von NutzerInnen durch gezielte Marketing- und Informationsprogramme.

Die systematische Einbeziehung der Erfahrungen der bisherigen AnlagennutzerInnen in die weitere Entwicklung der Anlagen. Diese Einbeziehung kann auf der Ebene der Technologieentwicklung durch Befragungen, Fokusgruppen oder 'Lead user'-Workshops erfolgen, oder auf der Ebene der Planung, Errichtung und Nutzung entsprechender Gebäude, wo erfahrene externe NutzerInnen oder künftige NutzerInnen des Gebäudes möglichst intensiv in den Planungsprozess einbezogen werden sollten.

Einbindung der Produktwahrnehmung der KundInnen, die sich gegen den Kauf einer Lüftungsanlage entschieden haben (Nicht-NutzerInnen), in die Marketing- und Informationskonzepte von Lüftungsunternehmen, Installateuren und Beratungsinstitutionen. Diese Erfahrungen unterscheiden sich zum Teil markant von denjenigen der bisherigen AnlagennutzerInnen: So ist das erwartete Problem der Zugluft ein starkes Hindernis für den Einbau einer Lüftungsanlage, das weder von den NutzerInnen noch von den ExpertInnen wahrgenommen wird, d.h. in realisierten Anlagen im Wohnbau praktisch nicht auftritt.

Downloads zur Publikation

Akzeptanzverbesserung von Niedrigenergiehaus-Komponenten

Schriftenreihe 26/2001 H. Rohracher, B. Kukovetz, M. Ornetzeder, et.al.
Deutsch, 336 Seiten, vergriffen

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Bibliographische Daten

Akzeptanzverbesserung von Niedrigenergiehaus-Komponenten

Endbericht

Auftragnehmer:
Interuniversitäres Forschungszentrum für
Technik, Arbeit und Kultur (IFZ)

Autoren:
Harald Rohracher (Projektleitung), Brigitte Kukovetz (IFZ)
Michael Ornetzeder (Zentrum für Soziale Innovation - ZSI)
Thomas Zelger, Gerhard Enzensberger (Österreichisches Institut für Baubiologie und -ökologie - IBO)
Johannes Gadner, Josef Zelger (Institut für Philosophie, Universität Innsbruck)
Renate Buber (Institut für Handel und Marketing, Wirtschaftsuniversität Wien)

Berichte aus Energie- und Umweltforschung 26/2001

Graz, April 2001
332 Seiten

Projektbeteiligte

Projektleiter:
DI Mag. Harald Rohracher (Projektleitung), Brigitte Kukovetz
Interuniversitäres Forschungszentrum für Technik, Arbeit und Kultur (IFF/IFZ)

PartnerInnen:
Mag. Dr. Michael Ornetzeder
Zentrum für Soziale Innovation (ZSI)

DI Thomas Zelger, Gerhard Enzenberger
Österreichisches Institut für Baubiologie und -ökologie GmbH (IBO)

Dr. Johannes Gadner, Univ.-Prof. Dr. Josef Zelger
Universität Innsbruck, Institut für Philosophie

Dr. Renate Buber
Wirtschaftsuniversität Wien, Institut für Handel und Marketing

Kontakt

Harald Rohracher
Interuniversitäres Forschungszentrum für Technik, Arbeit und Kultur (IFZ)
Schlögelgasse 2
A 8010 Graz
Tel.: +43 316 813909-24
Fax: +43 316 810274
E-Mail: Rohracher@ifz.tu-graz.ac.at

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